Manifest

Manifest // WS16/17 // Entwurfsprojekt 5. – 7. Semester

Der Kurs untersucht den Spannungsbogen zwischen Modedesign als individuelle Selbstdarstellung einerseits und ihre kollektiv – gesellschaftliche Relevanz andererseits. Kritische Fragen über künstlerischen Ausdruck, Sinn, Notwendigkeit, Luxus, Eliten, Nachhaltigkeit, Zukunft, Kommerz, Kapitalismus, Narzissmus, Kollektiv, …etc. soll nicht aus dem Weg gegangen werden.

Die Studierenden sollen sich in erster Linie eine Positionierung in der Modewelt suchen und diese Haltung als Ausgangspunkt für eine Kollektion nehmen. Sowohl Ernsthaftigkeit, Engagement und Experiment aber auch Humor, Parodie, Paradox haben ihre Berechtigung. In der Konzeptionsphase ist es auch nicht wichtig, dass man seiner Sache sicher ist; es soll ein Versuch in der Positionierung sein, der Gedankengang ist wichtiger als die Schlussfolgerung. Es ist zum Beispiel auch möglich eine Perspektive anzunehmen, die einem fremd ist, um ihre Dynamik zu erforschen und zu verstehen. Man könnte der Position inhärente Codes unterstreichen oder auch bewusst verzerren bzw verwerfen.

Wichtig ist, dass man eine deutliche Stellung bezieht und dementsprechend verbindlich agiert.

Nach der konzeptuellen Recherche in der Anfangsphase wird ein Text verfasst, in der die Haltung vom Gestalter zu Mode manifestiert wird. In Folge wird nach einer adäquaten Gestaltungsmethodik gesucht mit der die Kollektionsteile skizziert und entworfen werden. Auch im Realisationsprozess nimmt man in Bezug auf Materialwahl, Verarbeitungsmöglichkeiten, Techniken, Form und Farbe bewusste Entscheidungen, die durch die Positionierung informiert werden.

Eine Kollektion von 4 realisierten Looks und ein geschriebenes Manifest werden während einer performativen Vorlesung präsentiert, erläutert und mit den Anwesenden diskutiert.

Lehrende:  Prof. Carolin Lerch // KM Evelyn Sitter

Studierende:   Jasmin Halama // Pia Hintz // Megan Ashton // Daniel Juhart // Mia Kather // Christine Sattler // Anna Luiese Sinning // Lea Wittich 

// Video: Jasmin Halama

Credits: Modelfreunde: Aleftina Karasyova / Tom Blesch / Artur Chruszcz // Setting: Jasmin Halama // Clothes: “ // Ceramic objects: Nik Mantilla // Video_edit: Jasmin Halama / Tom Blesch // Creative direction: Jasmin Halama / Tom Blesch // Music: Amnesia Scanner

//Manifest: Jasmin Halama

Ein Manifest sucht nach einem gleichgeschlechtlichen Körper, dem eine liberale Gleichstellung vorausgeht.

Die hier aufgezeigte nicht-binäre Geschlechtsidentität empfindet sich außerhalb des gesellschaftlich anerkannten Zweiersystems und befindet sich irgendwo im Dazwischen von maskulin und feminin.

Maskulin und Feminin sind hierbei gestalterische Bausteine, die zu Hybriden oszillieren und sich komplementieren, jedoch in ihren eigenen Entitäten bestehen bleiben.

Eine modellhafte Gleichstellung von Geschlecht bedingt einer Ungleichstellung der normierenden Physiognomie und Funktion von beiden geschlechtsspezifischen Bekleidungsmerkmalen.

Hierbei dienen die Geschlechterstereotypen lediglich als Relikt und müssen decodiert und einem Chaosunterzogen werden, wenn sie sich in einem Körper wieder zu einem Komplex vereinen.

Androgynität steht in dieser Arbeit nicht nur für die anatomische Form der Vereinigung, sondern auch für soziokulturelle Zweigeschlechtlichkeit bzw. Geschlechtslosigkeit. Dabei kann Androgynität entweder für ein neutrales Wesen stehen, oder für ein Wesen mit sowohl femininen und maskulinen Elementen oder aber für ein Wesen, welches zwischen makulin und feminin hin und her pendelt.

Das Dazwischen kann auf den unbesetzten Raum, ein Fehlen, eine Lücke gerichtet sein; es kann aber auch eine Grenze, einen Übergang benennen. Es handelt sich in jedem Fall um einen relationalen Begriff, der zwingend an eine Differenz gebunden ist.

Das Dazwischen setzt immer ein „Etwas“ voraus, das mit mindestens einem weiteren „Etwas“ in eine systematische Beziehung gesetzt werden kann.

Ein Tool zur Formenfindung fand sich im RITUAL DES BEKLEIDENS, welches sich hier umgedreht vollzieht, die Grundordnung auflöst -decodiert- und die Unterbekleidungzur Oberbekleidung deklariert.

My MANIFEST searches for a same-gendered body,
which aims for liberal equalization.

The demonstrated non-binary gender-identity positions
itself outside of the commonly known dyadic of our society and
locates itself somewhere between masculine and feminine.

In this case masculine and feminine can be seen as two artistic
building blocks, which oscillate and complement each other by remaining in their own entities.

An exemplary equalization of gender calls for an un-equalization
of physiognomy and function of both gender specific codes.

In that case both gender stereotypes are merely a relict and
have to be decoded and have to undergo chaos, before getting
together again as a whole complex on the wearers body.

In this workpiece androgyny means not only the anatomic form of union, but also sociocultural ambisexuality.
Respectively: Genderlessness.

In such case androgyny can either way stands for a neutral being
or for one, who sees themself somewhere between masc and fem,while oscillating between both.

The in-between can be directed towards an unoccupied space,
something missing or a gap; while it can also address a border or
a transition. It is about a term, which is compelled to
difference. The in-between always asks for a somewhat to be put in a systematic relation with.

A form-finding tool has been the ritual of enrobing/dressing,which in this case takes place vice versa;the normative order is dissolved – decoded – and the underwear is declared as overwear.


// Video: Pia Hintz „Flaw(less)“Credits: Video: Jana Schüßler // Model: Paulina @ Iconic // Hair&Makeup: Manuel Niederbrucker

 

//Manifest: Pia Hintz

Konzepte materialistischer Ästhetik können tiefgründiger und vielschichtiger gestaltet werden, wenn die Unvollständigkeit, Asymmetrie und Fragmenthaftigkeit realer Körper miteinbezogen wird.

Die Ergebnisse solcher Konzepte wirken weniger restriktiv indem körperliche Diversität der fiktiven Vollkommenheit vorgezogen wird. Körperdeformierungen sind eigenständige Ästhetische Werte – nicht nur eine reduzierte oder verunstaltete Ästhetik, sondern lediglich eine weitere Facette des Begriffs Schönheit.

Der Reiz des Makels wirkt gegenüber der Illusion der Vollkommenheit glaubwürdiger. Das Makelhafte vermag modernisiert und nimmt den wirklichkeitsfernen Idealen den Kitsch.

Was passiert, wenn eine „makelhafte“ Person ein Kleidungsstück trägt, das für den gesellschaftlichen Normkörper gemacht ist? Das Kleidungsstück sitzt nicht richtig, weil das Kleidungsstück nicht den Individualkörper, sondern den eines imaginären Menschen, abformt.

Was würde nun passieren, wenn einer der wenigen Menschen, die dem aktuellen Idealbild entspricht, ein Kleidungsstück tragen würde, das auf eine Person maßgeschneidert wurde, die einen asymmetrischen oder nonkonformen Körper aufweist? Die Passform des Kleidungsstückes entspricht dem Träger nicht und so ergibt sich ein Negativraum, der für das Makel an sich steht.


//Manifest: Megan Ashton

Fashion and Function begin to merge.
Fashion becomes Functionable.
Height of Function – Technology.
Advancements in technology are leading to wearable technology,
embedding itself into that which we carry on us every day.
The function of technology is to make our lives easier,
faster access to communication, internet and online presence,
at our fingertips, on our wrists, in our ears and in front of our eyes.
Soon to be on our sleeve, embedded within our clothing.
Telling us when to sleep, which way to go, what to listen to,
what to think?
Fast paced, quick choices, be online, dont miss out.
Wait. Stop.
Look up.
We are using technology to try and simplify our lives,
the lives which we ourselves are overcomplicating.
What are we missing while we are rushing around?
Dont let technology completely distract us from the world around us.
Interact, notice the environment.
Learn how to take a break, learn how to slow down.
Learn how to be comfortable in ourselves without hiding behind our
internet persona. Internet is about me me me
We belong to a group of people.
Show our true selves.
Learn how to make our own choices.


// Video: Daniel Juhart  „Kings of Camouflage“

Credits:  Creative Direction, Fashion, Kamera: Daniel Juhart // Editorial: Jan Pfropfe // Soundtrack by Attila 32 // Assistant: Frederik Werder

//Manifest: Daniel Juhart

Das rattern der Nähmaschinen erinnert mich an ein Maschinengewehr, immer wieder das Klacken des automatischen Fadenabschneiders, als würde man das Maschinengewehr nachladen. Bevor ich es schaffe mich umzusehen, wird mir bewusst, dass ich schon längst in einen Krieg geraten bin.

Als ich einst mein Handwerk erlernte, war ich so naiv zu glauben, ich würde eines Tages schöne Kleider für Menschen fertigen, damit sie frei und glücklich sind. Statt dessen wurde ich verpflichtet und ausgebildet, für die Industrie zu arbeiten, um den Falschen zu dienen, um für die Falschen zu kämpfen. Ich habe mich gegen die Modeindustrie entschieden und mich dem Widerstand angeschlossen. Denn wir werden nicht teilhaben an der Zerstörung unseres Planeten. Es waren einst unsere eigenen Leute die uns betrogen hatten. Sie tauschten unser aller Hab und Wohl, nur um deren Gunst zu gewinnen.

Mit den Jahren hatte sich die Modeindustrie zu einem Monstrumentwickelt, das kaum in Worte zu fassen ist. Es hat keinen Namen, keine Form, kein Gesicht, kein genaue Substanz. Auf seinem Weg der Zerstörung ist ihm nichts heil, kein Mensch, kein Tier, kein Wasser, kein Land, nicht einmal unsere Luft. Alles wird dem Erdboden gleich gemacht, was bleibt ist Tod und Verderben. Seine Gier nach dem Neuen und dem Anderen schien kein Ende zu finden.

Ich kann mich an eine Zeit erinnern, als die Menschen glücklich waren und ihre Kleider wertschätzten. Sie trugen farbig-bunte Kleider mit floralen Mustern, in denen sie lachend die Straßen hoch und runter spazierten. Diese wurden eines Tages eines Anderen ersetzt, der

Uniform. Wann das Alles genau geschah, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Innerhalb kürzester Zeit trugen alle schwarze Uniformen, die immer wieder gegen neu Uniformen gewechselt wurden. Hemden wurden gegen T-Shirts getauscht, Hosen und Röcke gegen Kampfhosen, Sakkos und Westen gegen Jacken mit vielen Taschen, um noch mehr Munition mit sich zu schleppen. Alle bekamen Taschen und Rucksäcke um deren Notwendigstes bei sich zu haben. Für die Wenigen, die noch bunt in Röcken, Hemden und blumigen Hüten herumliefen, war es nur eine Frage der Zeit, bis man sie aus ihrer Illusion befreite.

Nach all den Jahren des Krieges fragte ich mich immer wieder, ob ich träume oder wache? Manchmal habe ich Visionen, wie ich mich im Spiegel betrachte. Ich bin glücklich und zu frieden in meiner neuen Kleidung. Alles fühlt sich so real an, doch ich weiß, es ist nur eine Illusion, ein Blendwerk der Modeindustrie, die unsere Sinne manipuliert.

Viele Menschen konnten ihrem Begehren nicht widerstehen, das selbstsüchtige Ich hatte überhand genommen und eröffnete ihnen ein falsches Erwachen. Wir selbst sehnten uns nach Normalität, ohne ständigem Wechsel der Uniformen. Viele von uns erlangten über die innere Welt meisterhafte Fähigkeiten. Um ihre Schöpfungskraft auf das Größtmögliche zu steigern, was sie in der realen Welt einzusetzen wussten. Auf diesem Weg der Entfaltung trafen wir auf furchteinflößende Gestalten, die wir schon als Kinder fürchteten. Wir stellten fest, dass diese vermeidlich tödlichen Feinde, hilfreiche Verbündete sind. Um den Krieg eine neue Wende zu geben, mussten wir die Modeindustrie mit ihren eigenen Mitteln schlagen und eine Verwandlung mit unseren Verbündeten vollführen, diese uns Einswerden ließ.


// Video: Mia Kather  „The Body is obsolete“

Credits: Model:  Laura Leinonen // Kamera: Kennett Stumpe/Greta Marie // Editing: Kennett Stumpe/Greta Marie/Mia Kather

//Manifest: Mia Kather

you are limited.
an archive of time and space stuck in the present.
you are bounded to the past by pushing the future.
you are the dystopian capsule of harmony.
you are the potential optimum by fragments of images.
[you are the chimpanzee of the future.]

you are an optimum.
you are the product of mass culture phenomenon.
made of the best. the best version of yourself.
your ingredients: only the highest achievements of human kind.
organized.
calculated.
strict.
homogene.
the prosthetic god.
the paradox of worlds sake.

your body: obsolete.
you are the futuristic vision of mankind.
dissolving in space.
your skin is erased.
infinite.

optimist is what you are.
you will not die because of lung cancer because you won´t have a
lung anymore, you won´t have a body anymore.


// Video: Christine Sattler  „Manifest in plastic“

Credits: Model: Marc Ziller // Assistant: Myriam Lis // Camera & Design: Christine Sattler

//Manifest: Christine Sattler

“…I’m a Barbie girl in a Barbie world
Life in plastic, it’s fantastic
You can brush my hair, undress me everywhere
Imagination, life is your creation…”

It drains out of the plastic alarm clock.
rolls over in plastic bed.
Scrunch scrunch scrunch churck crackle
Heat.
Brushes plastic blanket off body. Stretches in plastic nightie.
Nightie sticks to arms. Naked, pressed body. Like sausage in fake pigs intestine.
leaves plastic bed. Steps onto plastic floor. Onto plastic carpet.
walks into plastic bathroom. Brushes teeth with plastic toothbrush.
looks immaculate. Although eye lids a little soggy.
Botox injection.
Checks hair. Implantation of plastic hair great. Good work.
Squishes collagen cream out of plastic bottle. Adds makeup.
Immaculation.
Leaves bathroom.
Checks overall body in mirror. Silicon butt implants great. Good work.
Brushes over hairless legs. Skin like baby buttocks. Good work.
Walks to plastic wardrobe.
Winds into plastic dress. Puts on plastic shoes.
Walks to plastic fridge. Pulls out welded cucumber. Welded bred. Welded avocado. And
welded egg. Eats.
Drinks vitamin water in plastic glass.
Grabs plastic bag. Takes plastic key.
Closes plastic door. Walks out of plastic house.
People on street look immaculate.
Her nose gorgeous. His arms beautiful. Immaculation.
Her hair wonderful. His legs perfection. Immaculation.
Bodies in dresses. Bodies in suits. Bodies in luxury. Immaculation.
All is slaphappy. All are fortunate. All are perfect.
Like sausages in fake pigs intestines.
Plastic cars drive quickly. soundless.
Walks into plastic bakery. Buys plastic Latte to go.
Her nose not so gorgeous. Not so good work. Gives number of Dr. Perfection. Good work.
Meets perfect friend on plastic street. Plastic walks past quickly. Talk.
Have you heard – Sunset-perfect beach has closed. Like so many others. How sad. Tis the
that went down. No more swimming – now where do we show-off plastic. Plastic has fucked
our lives. It has come from the North Pacific Ocean right to our doorstep. Unbelievable. How
come Mr.Perfect-President hasn’t done any prevention – where is our trump? Unbelievable…
Btw you look gorgeous – You should wear your new plastic fur coat to tonight’s plastic party
*wink* – bye!

Plastic makes Perfect

Packed, veiled, masked, caged, sputtered, inflated, defined, inserted, cut, pasted, strange

What the fuck – who cares…
“I’m a Barbie girl in a Barbie world – life in plastic is fantastic,
And living forever, is so much betta,
Even after the thousand years you’re in the ground, your plastic parts will be found,
And aliens will sing: imagination, life is your creation…”

// Video: Anna Luiese Sinning

Credits: Model: Frederik Britzlmair // Assistant: Christine Sattler

//Manifest: Anna Luiese Sinning

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Neu als die höchste Qualität von etwas genannt wird.
Wir sind blind durch die Jagd nach immer neuen Sinnesreizen.
Wir handeln paradox. Wir bedienen uns an Gegen-und Jugendkulturen, deren Lebensstil wir
nicht vertreten und tragen ethnische Kleidungsstücke, ohne ihren kulturellen Ursprung zu kennen.
Wir tragen unser Privatleben am liebsten in der Öffentlichkeit und tragen Militärkleidung während wir
Aufrufen, keinen Krieg zu führen.
Die kulturelle Bedeutung eines Kleidungstücks ist uns egal, solange es unser
Verständnis von Neuheit entspricht und unseren Wunsch nach immer wieder neuer Selbstinszenierung
nachkommt.
Wir handeln willkürlich. Wir lieben es, Stile, Formen und Materialien zu mixen, egal welcher
Kontext daraus entsteht, solange es unsere Gier nach neuen, visuellen Reizen befriedigt.
Wir tragen unseren Pyjama am liebsten zum Trenchcoat. Wir tragen Kimonos zu Jeans und dazu unser
Lieblingsstück, die Bomberjacke.
Wir benutzen entfremdete Bruchstücke von Bedeutungsträgern und setzen
diese willkürlich wieder zusammen. Die Frage, ob Inhalt und Bedeutung wichtiger
sind als visuelle Reize, hat sich längst verneint.
Wir haben bereits ein Reservoir an sinnentleerten Zeichen geschaffen.
Wir handeln verschwenderisch. Wir tragen unsere T-Shirt und Jeans solange, wie die
Plastiktüte in der sie verpackt wurden. Wir heizen den Markt an, immer schneller ein noch größeres
materielles Angebot zu produzieren.
Das dabei Unmengen am Ressourcen verschwendet werden und noch größere Mengen an
Abfall entstehen, noch bevor das Kleidungsstück im Laden hängt, interessiert uns nicht. Immerhin sitzen
wir nicht auf einem Haufen voller Produktionsreste.

Ein Aufruf.
Wir sollten anfangen, unseren Umgang mit dem materiellen Angebot in der
Mode wieder zu hinterfragen.
Was ist die Identität eines Kleidungstückes?
Was bezeichnen wir als Neuheit und was als veraltet in der Dynamik Mode?
Was ist Wert und was ist wertlos im materiellen Angebot?
Ist das noch ein Wertesystem, welches wir vertreten wollen?

// Video: Lea Wittich

Credits:
Actors: Marlene Haase, Viktor Nilsson // Voice: Daniel Mühe // Camera, Music, etc.: Lea Wittich

//Manifest: Lea Wittich

Plädoyer für eine intelligente, lesbare Ästhetik als einziger Ausweg aus dem Konsumismus

Mode ist Mittel zur Positionierung gegenüber der Umwelt. Der Mensch und das vestimentäre Objekt bilden eine Einheit, die die Wahrnehmung der anatomischen Wirklichkeit erschwert und somit Körper- und Selbstbild beeinflusst.

Das Bewusstsein für diese subtile Form der Kommunikation flacht ab; wir bekleiden uns jeden Tag, haben einen großen Verschleiß an Kleidung. Das T-Shirt geht schnell kaputt und wird noch schneller ersetzt. Oder aber es geht nicht kaputt, aber da ist ein neues T-Shirt, dass besser gefällt.

750.000 Tonnen Textil werden jährlich nach Angaben des Fachverbands für Textilrecycling aussortiert. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen geht sogar von einem doppelt so hohen Textilverschleiß von 1,6 Millionen Tonnen pro Jahr aus.

Kann man da überhaupt noch von Materialismus sprechen? Wenn das Material so ersetzbar ist ? Ist unsere Sucht nach Konsum nicht vielmehr eine Übersprungshandlung, um die Instabilität der eigenen Identität zu kompensieren? Der Wert des Konsums wird somit die Projektion der individuellen Identitätssuche auf die Kleidung, die jedoch auch nicht über den Deus ex Machina – im wörtlichen Sinne – verfügt und den hilflosen Konsumenten auf die unendliche Reise der Selbsterneuerung schickt. Der Wert wird losgelöst von dem materiellen Ausgangsobjekt und wird zur Idee.

Mit fatalen Folgen: Ungeachtet dessen, dass an an der anderen Seite der Kette, reale Menschen dafür aufgeopfert werden unseren Bedarf zu decken, konsumieren wir weiter;

ohne zu sehen, dass wir uns überhaupt nicht mehr damit auseinandersetzten, was wir kommunizieren, was für Menschenbilder wir propagieren.

Ungestört demgegenüber, dass wir unseren Planeten durch die restlose Akzeptanz der Arbeitsweisen der Textilindustrie zerstören.

Die Kleidung wird zur sinnentleerten Hülle, die Entstehung und Bedeutung ausblendet und für ein paar Euro erstanden werden kann; ein einfaches T-Shirt, bedruckt mit einer holen Phrase – der Nonsens schlechthin. Mode muss banal, lustig und oberflächlich sein, damit man die neu erstandenen Teile auch gleich wieder wegwerfen kann, sobald die neue Kollektion im Laden hängt.

Aus diesem Werteverfall muss der kategorische Imperativ resultieren, dass die Maxime des Handelns eines Modeschaffenden lauten muss, gegen diesen Verfall anzukämpfen.

Solange die Mode als soziales Phänomen und als Industrie so funktioniert, wie sie funktioniert, muss das Thema der Auseinandersetzung ebendieser Missstand sein. Ich plädiere für eine selbstkritische Mode. Das Objekt selbst muss zum Semiophor werden; sogar zum Unikat. Das vestimentäre Objekt wird belebt, da es per definitionem lebendig ist. Als Symbol für Arbeit, Lebenszeit und Leid der Produzierenden, tritt es in Form von materialisierter Energie in die Welt.

Mode ist Inszenierung von Codes/Zeichen am Körper und von Körpern im Raum, die über erstere kommunizieren. Wie lässt sich diese Sprache präzisieren?

Mode muss rationalisiert werden um sie emotional zugänglich zumachen. Eine klare Sprache schafft eine neue, intelligente Ästhetik. Es geht nicht um die vermeintliche Ästhetisierung des Körpers, nach der sozial vorherrschenden Gleichsetzung dieser mit Kallistik.

Es gibt nicht DEN Körper, was macht es also für einen Sinn einem konstruiertem Ideal nachzueifern, das nicht zu finden ist? Männerkörper sehen aus wie Frauenkörper und Frauenkörper sehen aus wie Männerkörper, es gibt große und kleine Körper und dicke und dünne. Ein individuelles Schönheitsideal hat seine Legitimation, solang es nicht zum Dogma wird und diese Diversität anerkennt.

Mode soll, genau wie konzeptuelle Kunst nach Adrian Piper, in erster Linie die Idee sein, die durch eine Form kommuniziert wird, durch eine klare Übersetzung von sozialen Codes. Deshalb darf die Gestaltung auch durchaus (vermeintlich) plakativ, im Sinne einfacher Metaphern, aber konsequent gedacht sein.

Nur so kann ein gesellschaftlicher Mehrwert aus der Mode entstehen. Indem sie aus dem Abgrund der romantisierten Oberflächlichkeit und Ignoranz herausgezogen wird, um sie auf ihr Wesen zu besinnen. Schließlich ist sie ein einzigartiges, semiotisch erschließbares System, dem eine ungeahnte Macht in Form eines sozialen Kommunikationsmechanismus innewohnt, eine einzigartige, formbare und formulierbare körperliche Erweiterung.

Aber all diese Ernsthaftigkeit, kann falsch gedeutet werden: Mode darf auch Spaß machen. Genau so wie Theater spaß macht, oder Musik. Als rationales und sinnliches Spektakel, das sich aller inszenatorischer Mittel auf visueller, olfaktorischer, haptischer und auditiver Ebene bedienen kann.

Somit befreit sich der Modedesigner von dem Diktat der Industrie und den Kriterien einer wirtschaftlich effizienten Mode, die einem absurden System von herrschaftslegitimierenden Scheinfunktionalitäten unterliegen, sondern wird zum Künstler, der sich, um Inhalte zu vermitteln, jedem sinnvoll erscheinenden Medium bedienen darf.