ALCHEMISTICS | SoSe 2019

Entwurfs-Projekt
ab dem 4. Semester BA und
Anpassungsstudierende MA

Exkursion zum Material-Archiv und zum Sitterwerk in der Schweiz

IDK Team:
Prof. Axel Kufus
M.A. Anja Lapatsch
M.A. Annika Unger

TeilnehmerInnen:
Valentin Bufler
Caspar Frowein
Julius Führer
Sarah Harbarth
Paulina Heinz
Gaya Salman
Tim Schröder
Angela (Yangyan) Sun
Daniel Tratter
Esmée Willemsen

ALCHEMISTICS

Neue Stofflichkeiten und ihre experimentellen Anwendungs-Szenarien.

In der Alchemie dreht sich alles um materielle Transformation und Transmutation. Lange Zeit galt die Alchemie als eine mystische Pseudowissenschaft, mit spekulativen Vorgehensweisen und unergründlichen Methoden Wissen zu sammeln – dokumentiert in Symbolen, kodierten Rezepten und Tabellen. Heute scheint die alchemistische Praxis jedoch als interdisziplinärer Vorläufer einer kreativen, vernetzten Forschung, der sich auch längst ein neues Genre im Design angeschlossen hat.

Die Dirty-Labs der Designer brodeln und ermöglichen, transdisziplinär und auch undiszipliniert zu handeln, um über die traditionellen Formen der Wissensproduktion hinaus zu lernen und Forschungskapazitäten in einer breiten Vielfalt zu verbinden.
Sie experimentieren mit hybriden Materialien (zwischen biologischen, synthetischen und virtuellen), hinterfragen die Bausteine der digitalen Revolution und erforschen die Beziehungen zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Leben; und zeigen, dass kritische, konzeptuelle und spekulative Entwürfe bestens geeignet sind, den materiellen Diskurs zu fördern, um Modelle zu entwickeln – die hinterfragen; wie wir mit technologischer Forschung umgehen, wie wir Fortschritt ästhetisch, politisch, ökonomisch und sozial verhandeln und dies unter den komplexen ökologischen Herausforderungen behandeln.

In diesem Projekt wollen wir transdiziplinäre Praktiken und Logiken des alchemistischen Forschens hinsichtlich seiner Visionen und Potenziale, Möglichkeiten und Relevanzen experimentell untersuchen, erproben und debattieren – dies, in dem wir experimentelle, konzeptionelle, gestalterische und technische Entwicklungen von Objekten, Kollektionen, Produkten, Verfahren, Szenarien und nicht zuletzt – Kooperationen starten.


I. Phase
Transform (the super normals)

In der ersten Projektphase widmen wir uns den simplen, ganz alltäglichen Gebrauchsgegenständen aus Kunststoff und entwickeln eine künftige, super-normale Generation.
Entwerft eine neue, sinnvollere Materialität für Anwendungen, deren materielle Lebenssdauer in einem innigen Verhältnis zur Nutzungsdauer steht und setzt diese in einem handlungsfähigen
Prototypen bzw. in einem schlüssigen Szenario um!
Ausgenommen sind die Kunststoffprodukte, die bereits 2021 durch nachhaltigere Alternativen ersetzt werden.
2021 und dann?
– Einwegbesteck, Wattestäbchen, Strohhalme und Rührstäbchen aus Plastik sollen verboten werden
– Abgeordnete weiten Verbot auf oxo-abbaubare Materialien und bestimmte Styropore aus
– Kunststoffe ohne Alternativen müssen bis 2025 um mindestens 25% verringert werden
– Maßnahmen gegen Zigarettenfilter und verlorenes Fischereigerät

II. Phase
FUTURE MINING

Das Anthropozän ist die neueste Iteration eines Konzepts zur Signalisierung der Auswirkungen kollektiver menschlicher Aktivitäten auf biologische, physikalische und chemische Prozesse an und um die Erdoberfläche. In einem weiten und kritischen Sinne betrifft die größte Transmutation unsere Materialagenturen und Materialflüsse.
In absehbarer Zukunft werden uns die fossilen, nicht nachwachsenden Rohstoffe ausgehen.
Versetzen wir uns in diese Zukunft, wird sich die Wertigkeit von verschiedenen Materialien drastisch verändern. Erdölbasierte Materialien könnten stark an Wert gewinnen und vielleicht sogar den Wert von edlen Metallen und seltenen Erden überschreiten. Indem wir das Anthropozän als katalysierendes Konzept für unsere Designpraxis nutzen, stellt sich die Frage; welche gestalterische Reaktionen dazu entwickelt werden können.
Wie würden die uns heute en masse zur Verfügung stehenden Materialien verwendet, wieder nutzbar gemacht oder „abgebaut“ werden? Wie würde dies unsere Haltung in der Gestaltung von Objekten und Prozessen beeinflussen?

III. Phase
InForm

Die Natur schafft Elemente, Materie und Substanzen. Der Mensch erschafft daraus Materialien. Dieser Prozess wird durch Werkzeuge, Wissen, Erfahrungen und der Kultur beeinflusst. So gibt der Mensch dem Material eine Bedeutung und die Materialien werden zu Wissens- und Informationsträgern und Vermittlern innerhalb des materiellen Diskurses.
Designer und Künstler entdecken vergessene Substanzen wieder, entwickeln fiktive Materialien, zeigen völlig neue Potenziale in alltäglichen, oft übersehen Materialien; stellen Fragen zur Nachhaltigkeit und den sozialen Kontexten. Sie werden zu Alchemisten unserer Zeit. Sie entwerfen Materialien, gestalten sie neu, reformieren sie, verwenden sie wieder oder setzen sie in einen völlig neuen Kontext. Indem sie die Potenziale der Materialien betrachten, können neue Bedeutungen geformt und womöglich positive soziale, ökologische, wirtschaftliche und politische Veränderungen bewirkt werden.
Ausgehend von der weitreichenden Fülle an Informationen die uns das Materialarchiv in der Schweiz bietet, wollen wir im Zusammenspiel dortiger Materialien und vor dem Hintergrund der Reflexion zeitgenössischer materieller Diskurse entwerfen und die Potenziale möglicher Objekte, Anwendungen und Produkte ausloten. Wählt mind. 3 Materialien aus dem Online-Archiv aus, um diese in Winterthur physisch und ästhetisch zu untersuchen. Vor Ort wollen wir im offenen Ideenpooling mögliche Anwendungen diskutieren und über Potenziale und Transformationen spekulieren.
In welcher Form kann ein Material informieren? Denn erst in der Übersetzung eines Materials in eine Form und Gestalt können die weitreichenden Potenziale, Möglichkeiten und Qualitäten kommuniziert werden. Welche Gestalt müssen die gewählten Materialien annehmen, um gezielt neue Übersetzungen zu kultivieren – um somit ihre funktionale, ästhetische und gesellschaftliche Relevanz zu vermitteln?